Science Fiction für Kinder
Die Datei Poincaré
Es war eine düstere Novembernacht und ich war allein zu
Hause. Der Hund hatte schon ein paar Mal angeschlagen,
als er gegen Mitternacht endlich Ruhe gab. Ich wälzte
mich noch eine Weile hin und her, hörte das alte Haus
ächzen und knarren und war gerade eingeschlafen, als
ich spürte, dass es hell im Zimmer geworden war. Ich
öffnete die Augen und sah Jelander, den Boten des
gelben Kaisers vor mir stehen. Seine Gestalt war von
weißem Licht umflutet. Das Licht schien aus den langen,
weißen Haaren und den lichten Gewändern des uralten
Mannes zu leuchten. Ich hatte ihn schon des öfteren
getroffen, weil ich ab und an dem gelben Kaiser als
Obersondermathematiker diente. "Sei gegrüßt, du Bote
des mächtigen Kaisers", sagte ich. "Was gibt es so
Dringendes, dass du mich in meinem Haus mitten in der
Nacht aufsuchst?". Jelander hob die Hände:" Es ist
höchste Eile geboten, du musst mir sofort folgen. Dein
Hausroboter hat schon deine Sachen gepackt." Deshalb
war Prix, der Hund so unruhig gewesen.
Wir verließen das Haus und begaben uns zum nächsten
Tunneleingang. Jelander stieg in eine bereitstehende
Kabine, gefolgt von mir, Prix und P2, meinem Roboter.
Er programmierte die Kabine. Wir schossen durch den
Schoß der Erde an vielen Abzweigungen vorbei und
landeten auf der anderen Seite in China vor dem Palast
des gelben Kaisers. Palastroboter erwarteten uns. Wir
wurden direkt in den Thronsaal geführt und warfen uns
auf den Bauch. "Nein, nein, steht auf mein lieber
Obersondermathematiker und du Jelander", hörten wir
eine hohe piepsende Stimme rufen. Der gelbe Kaiser, ein
kleiner, quirliger Greis, in gelben Seidenroben
gehüllt, hopste auf dem Thron hin und her. "Es ist
höchste Gefahr in Verzug. Unser Erzfeind, der rote
Kaiser vom Planeten Erdal im System Alpha Centaurus,
führt etwas Furchtbares im Schilde. Er will den Mond
unserer Erde aus seiner Bahn werfen!". Plötzlich
ertönte eine monotone Stimme: "Der Mond ist eine
Gesteinskugel mit einem Eisenkern von einem Durchmesser
von 3476 Kilometer. Er umkreist die Erde auf einer
elliptischen Bahn in einem Abstand von 356 500 bis 406
700 Kilometern. Aufgrund seiner Gravitation erzeugt der
Trabant auf der Erde die Gezeiten der Meere". „Ja, ja,
wir wissen, was der Mond für die Erde bedeutet!“, rief
der gelbe Kaiser dazwischen. Aber P2 ließ sich nicht
beeindrucken und fuhr fort. „Die Gezeiten wirken wie
Bremsbacken. Die Umdrehung der Erde wird verlangsamt.
Sonst würde der Tag auf der Erde nur fünf Stunden
dauern. Der Mond stabilisiert auch den Neigungswinkel
der Erde. Gäbe es den Mond nicht, würde die Achse
derart kippen, dass im nördlichen Sommer die Sonne über
dem Nordpol monatelang fast im Zenit stünde. Ein großer
Teil der südlichen Hemisphäre bliebe dann im dunklen".
P2 hatte aus der Galaktischen Terralogie zitiert. "Ja,
ja", rief der gelbe Kaiser. "Er will das Klima der Erde
zerstören, um unsere Erdnussplantagen zu vernichten.
Die lieben Nüsschen wachsen doch nur im subtropischen
Klima auf der Südhalbkugel."
Erdnüsse waren im 27. Jahrhundert der wichtigste
Exportartikel der Erde geworden. Zumal es in letzter
Zeit Mode geworden war, in der Generalversammlung des
galaktischen Rates, Erdnüsse zu essen. Aus allen
Tribünenschalen des hohen trichterförmigen
Amphitheaters hörte man das Knacken der Nüsse. Es war
sogar schon zu Ordnungsrufen der obersten Galaktizität
gekommen. Die Bewohner von Erdal produzierten zwar auch
Erdnüsse. Aber sie kamen bei weiten nicht an die
Qualität der irdischen heran. Es fehlte an Kalk auf
ihrem Planeten. Erdnüsse brauchen torfigen, weichen und
kalkreichen Boden. Sonst wird die Schale nicht so
knackig, was den Reiz der Nüsse für die galaktischen
Bewohner ausmachte. Deshalb wurden allgemein die
irdischen Nüsse bevorzugt, was den roten Kaiser
natürlich sehr ärgerte. "Wir können doch Beschwerde
beim obersten Senat einreichen", warf ich ein. "Nein,
nein", rief der gelbe Kaiser. "Dann ist es viel zu
spät. Der Senat ist zur Zeit auf Inspektionsreise zu
den äußeren Plejaden und dann denkt an den langen
Dienstweg. Da ist die nächste Ernte schon längst
zerstört." Was wissen wir eigentlich? Wie weit ist ihr
Plan gediehen?", fragte ich. "Wie ihr wisst, beobachtet
mein Oberchefhacker die Rechenmaschinen unseres Feindes
ständig. Er hat erhöhte Aktivitäten festgestellt.
Besonders die Tabellen ´Poincaré's über "Die Werte der
gestörten Bewegungen der Himmelskörper" scheinen sehr
interessant zu sein". Hier ließ sich wieder die
monotone Stimme von P2 vernehmen: "Newton hatte
gezeigt, dass die Bewegung eines Planeten um die Sonne
oder die des Mondes um die Erde ein exakt lösbares
Zwei-Körper-Problem darstellt". "Was aber geschieht",
so fragte ´Poincaré', wenn man dieser Beschreibung den
Einfluss eines zusätzlichen Planeten hinzufügt". Hier
stieß ´Poincaré' auf die Möglichkeit der Instabilität
der Planetenbahnen, ihres Umschlags ins Chaos. "P2, es
ist gut! Wir wissen alle, dass der störende Einfluss
des dritten Planeten nicht größer sein darf als es der
Schwerkraft entspricht, die eine Fliege im Abstand von
3000 Kilometer auf den Mond ausübt, um ihn nicht aus
seiner Bahn zu werfen", sagte ich unwirsch. Dann
erschauderte ich plötzlich, als mir klar wurde, was ich
gesagt hatte und schaute den gelben Kaiser und Jelander
erschrocken an. "Ja, ja, es wird ganz leicht sein für
die Erdaler, einen winzig kleinen Körper in eine
Umlaufbahn um den Mond zu schicken, der dann das Chaos
anrichtet und unser Mond wird im Weltraum verschwinden.
Mein Oberchefhacker ist ganz verzweifelt. Er kann die
elektronischen Botschaften knacken, welche die Erdaler
sich untereinander senden. Aber er kommt nicht in den
operativen Teil des Rechners hinein, wo die Programme
geschrieben werden, die zur Vernichtung des Mondes
führen werden. Sie haben den Rechner nämlich mit einem
ganz besonderes Lösungswort gesichert; und zwar muss es
eine besondere Zahl sein. Da habe ich an dich gedacht,
mein Obersondermathematiker", sagte der gelbe Kaiser.
"Wo befindet sich Chuang-Tzu?", fragte ich. "Er
arbeitet ununterbrochen im Rechenzentrum", antwortete
der gelbe Kaiser. "Ich eile, oh, mächtiger Kaiser!".
Prix und P2 folgten mir.
Der Ernst der Lage war mir nun auch klargeworden. Wut
über die Unverfrorenheit des roten Kaisers überkam
mich. Seit vier Jahrhunderten herrschte nun schon
Frieden in der Milchstraße. Alle hatten sich der
galaktischen Friedenskonvention unterworfen. Es kam
aber immer wieder zu solchen hinterlistigen Attacken,
besonders bei Interessenkollisionen. "Ich muss auf
jeden Fall so viele Beweise wie möglich sammeln, damit
die Erdaler nicht ungeschoren bei einem Prozess vor dem
obersten galaktischen Gericht davonkommen", dachte ich.
Nun war ich einmal wieder der Zeit weit vorausgeeilt.
Das Problem erschien mir im Moment ganz unlösbar, bei
der unendlichen Menge der Zahlen. Wenn ich nur an die
rationalen Zahlen denke, dann die irrationalen Zahlen
mit ihren unendlichen Dezimalstellen hinter dem Komma.
Ich fühlte mich völlig mutlos. Prix stieß mit seiner
Schnauze an mein Bein. "Ah, Prix, fühlst du dich auch
schlecht. Du hast sicher Hunger", sagte ich und spürte
nun auch, wie mein Magen knurrte. Durch die hohen
Bogenfenster der Halle, die wir gerade durchquerten,
auf unserem Weg zur Rechenzentrale, schienen die ersten
Strahlen der Morgensonne und spiegelten sich in dem
roten Marmor der Wände. Da kam uns Chuang-Tzu entgegen.
Er sah wirklich sehr mitgenommen aus. Er hatte wohl die
Nacht durchgearbeitet, dass war auch einem Mann von
knapp 30 Jahren anzusehen. Aber sein schwarzer,
klassischer Seidenanzug glänzte faltenfrei im
Sonnenlicht. Ich selbst trug seit meiner frühesten
Jugend den arabischen Burnus. Er war bequem und
außerdem stand er mir ausgezeichnet. "Sei gegrüßt edler
Obersondermathematiker, ich habe von deiner Ankunft
gehört. Ich dachte, wir gehen erst einmal in die
Kantine und lassen uns ein schönes Frühstück servieren.
Was meinst du Prix?" Er beugte sich zu dem Hund
hinunter und tätschelte seinen Kopf. "Ja, das ist uns
sehr recht, und da kannst du uns auch alles über die
neuesten Intrigen des roten Kaisers berichten, lieber
Oberchefhacker", erwiderte ich.
Wir bestellten ein europäisches Frühstück und für Prix
Wasser und Hundekuchen. Wir aßen schweigend. "Ja, das
werden keine Peanuts für uns werden, das Problem
scheint schier unlösbar", fing ich das Gespräch an und
musste über meinen Kalauer lächeln. Chuang-Tzu grinste.
"Ich bin zu der überzeugung gekommen, bei dem
Lösungswort, muss es sich um eine Zahl handeln. Die
Erdaler sind große Zahlenfanatiker", sagte er. "Es ist
vielleicht eine besondere Zahl, die für sie eine
gewisse Bedeutung hat. Was hältst du von der Kreiszahl
Pi? Die Erdaler bauen doch alle ihre Häuser rund",
meinte ich. "Ja, das ist eine gute Idee. Wir müssen mit
System an das Problem herangehen", erwiderte
Chuang-Tzu. "Lass uns sofort mit der Arbeit beginnen!",
fügte er hinzu.
Wir fütterten die Rechner. Nach 8 Stunden waren wir bei
der millionsten Stelle hinter dem Komma ohne Ergebnis
angekommen. Der gelbe Kaiser war nach seinem
Mittagsnickerchen höchstpersönlich vorbeigekommen. Er
war sehr aufgeregt. Alle seine Spione hatten ihm
gemeldet, dass der Coup kurz bevorstehe. Chuang-Tzu
hatte immer wieder zwischendurch die elektronische Post
der Erdaler durchgesehen. Plötzlich rief er: "Schau dir
das einmal an! Seit Tagen schmücken sie ihre Briefe mit
dem Bild einer Erdnuss; einer Nuss, deren Schale in der
Mitte deutlich eingeschnürt ist, so dass zwei Fächer
entstehen, in denen die zwei Nüsse ruhen. Du musst
wissen die Erdaler sind seit Jahrhunderten
Hermaphoditen, Geschlechtslose. Aber durch ihr
Seelenleben müssen immer noch Erinnerungen an ein
Sexleben geistern, dass etwas mit einer Paarung zu tun
hatte. So ist wohl die Nuss zu etwas geworden, wie
vielleicht im 21. Jahrhundert ein Pin-up-Girl. Sieh,
nun plötzlich ist die Einschnürung nicht mehr in der
Mitte. Das eine Fach ist nun größer als das andere".
Ich schaute auf seinen Bildschirm. "Weißt du was das
sein kann? Lass einmal messen! Ich vermute die Teile
stehen im goldenen Schnitt zueinander. Das Verhältnis
wird durch die irrationale Zahl 1,618... ausgedrückt",
rief ich aus. "Tatsächlich, so ist es. Lass uns sofort
die Zahlenreihe durchrechnen". Wir fingen an. Bei der
3476zigsten Stelle hinter dem Komma fing es an zu
klicken und zu klingeln in unseren Rechnern. Die
Lösungszahl war gefunden. Prix bellte wie verrückt und
P2 klatsche blechern in die Hände. "Sehr sinnig", sagte
ich. "Der Mond ist 3476 Kilometer von der Erde
entfernt". Chuang-Tzu grinste: "Jetzt müssen wir die
passenden Dateien finden. Ah, ich hab sie vielleicht
schon. Hier ist eine Datei ´Poincaré." In dem Moment
trat Jelander zu uns: "Habt ihr das Passwort gefunden?
Aha, ich sehe, ihr seit echte Taostoiker", sagte er. In
der Tat waren Roboter emotionaler als wir. Chuang-Tzu
und ich übten Gleichmut in allen Lebenslagen. "Hier
habe ich ein hübsches kleines Programm mit einem
Superkillervirus vorbereitet", meinte Chuang-Tzu.
"Nein, warte, mach erst eine Kopie, ehe du alles
zerstörst, damit wir Beweise haben, wenn es zu einem
Prozess vor dem Senat kommt", rief ich. "Ja, aber mein
Programm ist so konstruiert, dass es sich nach getaner
Arbeit selbst zerstört. Die Erdaler werden denken, ihr
Rechner sei aus überlastung abgestürzt", erwiderte
Chuang-Tzu. Er gab das Killerprogramm ein. Wir sahen
auf dem Bildschirm, wie es sich durch alle mit
´Poincaré bezeichneten Dateien fraß. Wir bekamen eine
Löschanfrage nach der anderen. Wir bestätigten die
unwiderrufliche Löschung in allen Speichern. Dann lasen
wir die verzweifelten E-mails der Erdaler. Sie waren
ratlos. "So das war es", sagte Chuang-Tzu lakonisch.
"Jetzt können sie von vorne anfangen und wir haben
Zeit, Beschwerde einzulegen", fügte er hinzu. "Wie sie
nur auf die Idee mit den Nüssen im goldenen Schnitt
gekommen sind", bemerkte ich. "Vielleicht fanden sie es
mehr sexy, wenn der Mann größer ist", meinte
Chuang-Tzu. Wir lachten und verabschiedeten uns bis zum
nächsten Einsatz.
Vom gelben Kaiser bekam ich den Erdnussorden am gelben
Band. Ich werde ihn meiner Sammlung hinzufügen.
Jelander brachte uns zu der bereitstehenden
Sonderkabine. Prix bellte kräftig den gerade
aufgehenden Mond an. "Prix, es ist ja alles gut
gegangen. Der Mond wird weiter sicher seine Bahnen
drehen", beruhigte P2 den Hund. Wir bestiegen die
Kabine und sausten zurück auf die andere Seite der
Erde.
Text von Monika Rudnick aus 2005
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